Wir haben tagelang auf den vergangenen Montag hingefiebert, in Janines Fall auf das Wiedersehen, in Marleens Fall auf das Kennenlernen des mobilen Teams vom Bienfait-Projekt, das seit März 2022 im Karongi Distrikt unterwegs ist. Wir konnten es kaum abwarten, das Team vier Tage lang zu begleiten und ihnen bei ihrer Arbeit im Feld über die Schulter schauen zu dürfen – bei Besuchen von Familien mit Kindern mit Behinderung in den besonders abgelegenen Orten in Karongi.
Das gesamte Team empfing uns am Montagmorgen mit langen, herzlichen Umarmungen am Office in Kibuye: Sylvestre, der lokale Projektkoordinator, Mariette, die Krankenschwester und psychologische Beraterin, Matthieu, der Allgemeinmediziner, Hesron, der Physiotherapeut, Frederick, der orthopädische Techniker und Pascal, der Fahrer. Schnell wird uns klar, dass sie seit März 2022 zu einem engen Team zusammengewachsen sind, das nicht nur freundschaftlich, sondern kooperativ sowie kollaborativ zusammenarbeitet und sich absolut ergänzt.
Nach einem kurzen Austausch ging es auf holprigen, kurvigen Straßen los in Richtung Mutuntu Sector, wo drei Familien den Besuch des Teams erwarteten. Die eineinhalbstündige Autofahrt war für uns bereits ein Abenteuer, aber zu sehen, welche Wege das Team anschließend noch zu Fuß zurücklegt, mit dem benötigten Equipment wie Gymnastikmatte oder Hilfsmittel unter dem Arm, ist unglaublich (und in der Mittagssonne sehr anstrengend).






Zunächst besuchen wir David (13 J.), der mit einer Cerebralparese lebt. Seine zierliche Mutter Celestine empfing das Team rührend herzlich, doch als David Hesron sieht, den Physiotherapeuten, strahlt er so sehr, dass nicht zu übersehen ist, dass ihm die Behandlung guttut. Noch vor einem Jahr konnte David nur völlig immobil auf der Seite liegen, Celestine trug ihn. Heute haben sie einen Rollstuhl zu Hause, der es ermöglicht, dass David aufrecht sitzen und sich im Haus bewegen kann. Außerdem macht Celestine täglich Mobilisations-Übungen mit ihm, die Hesron ihr zeigt. Diese zeigen auch bei unserem Besuch umgehend Wirkung, David wirkt zufrieden und entspannt. David kann sich mittlerweile auch drehen und sich durch den Raum bewegen. Erst im Laufe der Gespräche erfahren wir, dass David ein Waisenkind war und Celestine ihn als alleinstehende Frau und selbst verwaistes Kind zu sich nahm. Sie tut alles für sein Wohlergehen und kümmert sich. Sie will außerdem mit der Hilfe von Nachbarn den Zugang zur Straße bauen, sodass David mit dem Rollstuhl auch draußen sein kann. Wir sind überwältigt von einem so großen Herzen, das in Celestine schlägt.


Anschließend ging es mit einem kleinen Marsch über Stock und Stein weiter für eine Nachuntersuchung zu Valentin (6 J.). Valentin hatte einen Klumpfuß, der vor ca. drei Wochen operiert wurde, weshalb er nun das gesamte Bein eingegipst hat und auf dem Boden sitzt. Hesron behandelt ihn und macht Mobilisierungs- und Stabilitätsübungen mit ihm, während Mariette Gespräche mit der Großmutter führt, bei der Valentin aufwächst, seitdem seine Mutter die Familie verlassen hat. Die Dankbarkeit für die Hilfe betont die Großmutter immer wieder, denn schon in einigen Wochen wird Valentin Dank des Eingriffs laufen und vor allem zur Schule gehen können.


Von hier aus erwartet uns eine kleine Wanderung zu Iradukunda (15 J.), der mit seinem Vater ins Dorf gekommen ist für die Anamnese einer Fehlstellung der Beine. Auch wenn das Team in der aktuellen Situation nichts für Iradukunda tun kann, können sie seinen Vater aufklären und bitten die beiden zu einer Folgeuntersuchung in einem halben Jahr zu kommen.

Am Dienstagmorgen fahren wir in den Murambi Sector, um dort nach einer zweistündigen, wackeligen Fahrt an einem Parents Counselling teilzunehmen, das Mariette in mittlerweile 21 Gemeinden eingeführt hat. Hier treffen sich in einem Klassenraum wöchentlich ca. 20 Eltern von Kindern mit Behinderung, um sich auszutauschen und sich gegenseitig aufzubauen. Wiederholt drücken Sie Mariette ihre Dankbarkeit für ihre Hilfe aus und betonen, wie sehr ihnen der Austausch mit anderen betroffenen Familien hilft. Sie erzählen uns, dass sie vor der Ankunft des Teams ihre Kinder und sich selbst versteckt haben, dass ihre Kinder nicht akzeptiert wurden oder sogar der Zugang zur Schule verwehrt wurde und leider teilweise nach wie vor verweht wird. Sie berichten von öffentlichen Demütigungen und können Tränen dabei nicht zurückhalten. Doch die gemeinsamen Treffen helfen ihnen, sie betonen, dass sie dadurch jetzt raus kommen, dass sie die Behinderung ihrer Kinder akzeptieren und das Stigma ablegen können. Durch die Präsenz des Teams bei ihnen zu Hause sei auch das Bewusstsein etwa bei Nachbarn gestiegen. Untereinander helfen sie sich im Falle von dringend benötigter ärztlicher Behandlung in einer Klinik auch mal finanziell aus, trotz der unfassbar geringen Mittel, die sie überhaupt haben (viele Familien können sich keine Krankenversicherung leisten). Eine Mutter zeigt den anderen Frauen, wie man Kleider näht, die sie verkaufen können.

Im Anschluss an die Sitzung fahren wir gemeinsam zu Shilo (6 J.), dessen Mutter am frühen Morgen zweieinhalb Stunden gelaufen ist, um zu dem Eltern-Treffen zu kommen. Als das Team ins Haus kommt, strahlt Shilo über beide Ohren und fällt jedem aus dem Team in die Arme. Seine Großmutter erzählt uns, dass er vor einem Jahr nicht laufen konnte, er konnte nur sitzen. Seit einigen Wochen stabilisieren Orthesen seine Knöchel, sodass er sich jetzt alleine auf den Beinen halten und auch mit Halt laufen kann; Hesron trainiert mit ihm das Laufen am Laufwagen und mit Gehstützen und er macht schon riesige Fortschritte, trotz seiner noch instabilen Hüfte. Es ist kaum zu glauben, wie motiviert und aktiv der kleine Shilo weiter das Laufen üben will, bis er kaum noch Kraft hat, um sich abzustützen.



Nach den beiden ersten Tagen auf dem Feld sind wir abends vollkommen überwältigt von den Begegnungen und Eindrücken und unendlich beeindruckt von der Arbeit, die das Team täglich macht und mit der sie alle gemeinsam so viel Gutes erreichen. Wo das Team ankommt, begegnen ihnen die Menschen mit Dankbarkeit und offenen Armen, sie erhöhen das Bewusstsein für den Umgang mit Kindern mit Behinderung und verbessern täglich deren Lebensbedingungen, deren Mobilität und Zugang zur Gesundheitsversorgung und Bildung.
Anmerkung: Namen der Patient:innen und Familienangehörigen sind geändert.