NEVER AGAIN

Wer von Ruanda spricht, der spricht auch irgendwann über den Genozid, der heute vor 22 Jahren in Ruanda begann und etwa 1 Millionen Menschen das Leben kostete.

7. April 1994. Was ist an diesem Tag passiert? Wie gut, dass es die Mediathek mit alten Ausgaben der Tagesschau gibt. Ab Minute 7:57 wird es interessant. Über den Genozid selber werde ich hier wenig schreiben, dafür gibt es das Internet oder Bücher wie z.B. „Ein Sonntag am Pool in Kigali“ oder der Film „Hotel Ruanda“ und viele weitere Bücher von Überlebenden.

Auch wenn der Genozid schon 22 Jahre her ist, so ist er doch immer noch präsent und die Folgen allgegenwärtig zu spüren.

Bei den Reisen habe ich niemanden getroffen, der keinen Verlust in der Familie hat.
Mal ist es der Bruder, mal die Mutter mit drei Schwestern, mal die Ehefrau und die Kinder. Einige sind die Opfer auch erst später an den Folgen wie  z.B. HIV durch Vergewaltigungen gestorben. Was bis heute bleibt und sich auch nicht „verwächst“ sind Depressionen und Trauma. Denn sie werden häufig an die nächsten Generationen weitergegeben, auch wenn sie zunächst nicht genetisch sind.  Forscher haben vor einigen Jahren herausgefunden, dass Erlebnisse auch die Gene verändern können. Erfahrungen können sogar so prägend sein, dass sie sich dauerhaft im Erbgut festsetzen und an die folgende Generation weitergegeben werden. Epigenetik heißt der Vorgang, wenn die erworbene Eigenschaft der Eltern beim Nachwuchs zu einer angeborenen wird. Neurobiologen  von der ETH Zürich entdeckten, dass extremer Stress, feindliche Lebensumstände und Traumatisierungen die Regulation in der Zelle beeinträchtigen.
Und das ist auch das, was man in den Augen der Menschen erkennt. Selbst Kinder, die lange nach 1994 geboren sind, haben diese Erfahrung des Gräuels in den Augen und in der Seele. Und ja, auch im Erbgut.

Individuelle Aufarbeitung, Trauerarbeit, Traumatherapie … ? Alles Fehlanzeige. Bis heute wird in dieser Richtung fast gar nichts oder viel zu wenig unternommen.
Das Leben geht weiter. Die Aufarbeitung erfolgte in Form von öffentlichen Gacaca-Gerichten.
Gacaca bedeutet  „Grasfeld“ – die Wiese, auf welcher traditionell die Gemeinde zusammenkommt, um Streitigkeiten auszudiskutieren. Bis zum Jahr 2010 wurden auf Gacaca-Gerichten in Ruanda die Verbrechen von 1994 aufgearbeitet.

Die 12.000 Gacaca-Gerichte bewältigten die umfangreichste juristische Aufarbeitung, die die Welt je gesehen hat. Sie verhandelten über 1,2 Millionen Fälle und verurteilten über eine Million Täter. Diese mussten vor der versammelten Gemeinde ihre Taten gestehen und die Angehörigen ihrer Opfer um Vergebung bitten. Nur so erhielten sie Strafnachlass, um Sozialarbeit zu leisten, anstatt in eines der überfüllten Gefängnisse zu müssen.

Die Entlassenen sind in ihre Dörfer zurückgekehrt. So wohnen heute überall in Ruanda Überlebende Tür an Tür mit den Mördern.

„Vergeben, aber nicht vergessen“ das ist das was es in  Ruanda so besonders macht.
Diese Einstellung ist wirklich sehr beeindruckend und bemerkenswert.

Wir haben einen jungen Mann  gesprochen, der auf seinen ehemaligen Nachbar wartete. Sie treffen sich seit Jahren an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit zu einem Gespräch und ein paar Bier. Auf den ersten Blick vielleicht nichts besonderes, dann erzählt er, dass dieser Nachbar die komplette Familie des jungen Mannes ermordet hat.
Ja, das macht sprachlos. Besonders, wenn man die Begrüßung der beiden einige Zeit später sieht. Sie geben sich die Hand und umarmen sich kurz.
Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich diese Größe und Kraft hätte den Mörder meiner Familie zu treffen, zu begrüßen, zu umarmen oder mit ihm ein Bier zu trinken.
Es ist für mich unvorstellbar.

Wir haben auch zwei Witwen getroffen. Der Mann der einen, hat den Mann der anderen Frau umgebracht. Beide Frauen arbeiten mittlerweile sehr eng in einer Witwen-Kooperative zusammen. Als 1. und 2. Vorsitzende.
Meine große Hochachtung und Bewunderung für diese Stärke.

Es gibt sicherlich Menschen die diese Versöhnung nicht schaffen. Es gibt aber auch sehr viele großartige Beispiele, wie diese.

Sehr beunruhigend empfinde ich die politischen Unruhen und das Töten im Nachbarland Burundi seit über einem Jahr. Sie scheinen nicht den Ausspruch „never again“ verinnerlicht zu haben. Man kann nur hoffen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

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