Samuel

Samuels Mutter ist alleinerziehend. Ihr Mann hat die Familie nach Samuels Geburt verlassen. Zwei ältere Geschwister leben bei Verwandten, nur Samuel ist ihr geblieben. Samuel hatte während der Geburt Sauerstoffmangel, “er war tot“, beschreibt sie die Situation.

Sie konnten ihn zurückholen, seitdem hat er multiple Behinderungen. Heute ist er 5 Jahre alt und kann weder sitzen, laufen, greifen, sprechen oder essen. Das Füttern mit einer Art Milchbrei dauert lange und schlucken klappt nicht immer.

Samuel reagiert auf den Handy Klingelton der Nachbarin mit ängstlichem Weinen und auf den musikalischen Klingelton eines anderen Handys mit Faszination und Begeisterung. Wir zeigen ihm daraufhin ein YouTube Video mit Musik für Kinder – wir sind überrascht! Der zuvor apathisch wirkende Junge fokussiert sich auf die Musik und das Video auf dem kleinen Handybildschirm. Sehr aufmerksam lauscht er, dann bewegt er sich rhythmisch und strahlt uns an. Musik tut ihm gut. Wir fragen ob er einen Kindergarten oder bald eine Schule besuchen wird. Die Mutter verneint. Es gibt keinen Platz für Kinder wie Samuel. Ihm fehlt jedweder Kontakt mit anderen Menschen und anderen äußeren Einflüssen oder Stimulationen. Die Nachbarin, die ihr Wohnzimmer für unser Treffen zur Verfügung stellt, fühlt sich nicht in der Lage auf den Jungen aufzupassen.

Samuel und seine Mutter werden einmal pro Monat von einer Community Health Workerin besucht. Sie, sowie 1600 ihrer Kolleg:innen im Karongi Distrikt im Westen Ruandas, kümmern sich ehrenamtlich um ihre Mitmenschen in der Nachbarschaft, messen Blutdruck, beraten Schwangere und sind die ersten Ansprechpartner wenn es um Thema Gesundheit geht. Sie vermitteln bei Bedarf weiter an die nächstgelegenen Health Posts oder Krankenhäuser. Sie sind sehr engagiert, zwar keine top ausgebildeten medizinischen Fachkräfte aber sie sind vor Ort und kennen die Lebensumstände wie kein anderer.

Samuels Mutter ist 36 Jahre alt und wäscht bei privaten Haushalten die Wäsche. Dafür verlässt sie morgens um 7 das Haus und kommt nicht vor 14 Uhr zurück. An „guten“ Tagen verdient sie 500 RWF, das sind weniger als 50 ct. Davon muss sie sich und Samuel ernähren. Dass das Geld vorne und hinten nicht reicht ist sichtbar. Sie leben auf etwa 6 Quadratmeter in einer Art Abstellraum. Das kleine Fenster ist vernagelt und lässt weder Luft noch Licht rein, die massive Tür hat ein dickes Schloss von außen. Samuel verbringt dort seine Tage, seine Nächte, sein Leben. Vor allem wenn seine Mutter arbeitet, ist er in diesem Zimmer allein. In absoluter Dunkelheit und ohne Obhut. Sie schließt die Tür von außen wenn sie geht. Aus Schutz vor Dieben wie sie sagt. Dieser Raum besteht nur aus einem Bett und einem kleinen Gang daneben. Als Matratze dienen mehrere Lagen Wäsche. Der Geruch ist intensiv und raubt einem den Atem. Die Zustände sind katastrophal. Und zu wissen, dass dieser Raum eine Art Gefängnis für Samuel ist, macht es nicht erträglicher.

Normalerweise ein Fall für Jugendamt, Fürsorge, Gesundheitsamt, Polizei, Sozialamt, Pflegefamilie etc – wenn es denn ein entsprechendes Netz und einen gut funktionierenden Sozialstaat gibt. Hier greifen diese Maßnahmen nicht. Was würde passieren, wenn wir die Polizei verständigen? Es würde nichts ändern, eventuell hat Samuel dann niemanden mehr. Ihn von seiner Mutter zu trennen ist sicher nicht im Sinne des Kindeswohls. Ihre liebevolle Fürsorge ist da, allein es fehlt ihr an Einkommen und Unterstützung. Wir fragen, was ihr helfen könnte. Eine Art Kiosk zum Verkauf von Lebensmitteln ist ihr Traum, ein Ort an dem sie Samuel mitnehmen kann und nicht alleine Zuhause lassen muss. Das Wegsperren von Samuel geschieht aus purer Verzweiflung und der absoluten Notwendigkeit etwas Geld zum Überleben zu verdienen. Sie hat schlicht keine Wahl.

Die Community Health Workerin kalkuliert für sie und sagt ein Startkapital von etwa 650€ würde reichen um einen kleinen Shop zu haben. Dort könnte sie Obst und Gemüse verkaufen und gleichzeitig wäre Samuel bei ihr. 650€ sparen bei einem Verdienst von 50ct am Tag – unmöglich für sie. Das geht nicht ohne Unterstützung.

Unser Projekt Bienfait kümmert sich um Kinder wie Samuel, durch Krankenversicherung, Diagnose und Hilfsmittelversorgung.

Samuels Mutter ist nicht die Einzige in so einer Situation. Ihr kann durch kleines Startkapital schon geholfen werden. Wer helfen möchte, kann unter dem Stichwort „Bienfait“ spenden.

Was haben wir durch den Besuch bei Samuel gelernt? Einkommensschaffende Maßnahmen für die Familien, besonders für Alleinerziehende sind bisher noch nicht Teil des Projektes, helfen aber enorm, um die Gesamtsituation der Kinder mit Behinderungen und ihrer Familien zu verbessern. Daran müssen wir arbeiten.

Die Besuche und Gespräche vor Ort sind enorm wichtig und helfen das Projekt noch besser zu gestalten und die Situation besser zu verstehen. Unser Ansatz: zuhören und Fragen stellen, verstehen und nicht urteilen und vor allem nicht verurteilen. Gemeinsam über Lösungen nachdenken und den Bedarf ermitteln, die Wünsche der Betroffenen respektieren und helfen sichtbarer zu werden. Diese Besuche gehen an die eigene Substanz, verändern einen, nehmen mit, fordern enorm aber es ist auch genau das, was nötig ist. Lernen, verstehen und im besten Fall langfristig die Situation etwas verbessern. Veränderungen kommen nur, wenn man seine Komfortzone verlässt.

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